Gehörlose in Uganda

(Auszug aus der Diplomarbeit "Entwurf eines Konzeptes für die Soziale Arbeit in einer Gehörlosenschule in Uganda" von unserer Projektmitarbeiterin Katina Geißler)

Nach dem Bericht "Deaf people speak out in Uganda" von der Journalistin Evelyn Kiapi Matsamura sind nach einem Zensus im Jahre 1991 ca. 2,4 Millionen ugandische Menschen von einer Behinderung betroffen, demnach lebt jeder zehnte Bürger mit einer Behinderung. Von den 2,4 Millionen Menschen machen 240.000 gehörlose Menschen aus. Über 80% von ihnen können weder lesen noch schreiben. Von diesen 80% können 70% nicht mehr als bis zehn zählen.

 

Dennoch ist Uganda das einzige Land im ganzen Kontinent Afrika, das große Fortschritte in den Lebensbedingungen Gehörloser aufweist. Einschneidend sind meines Erachtens die Rechte behinderter Menschen. Hierzu gibt das Zentrum für Selbstbestimmtes Leben an:

 

"In der am 8. Oktober 1995 in Kraft getretenen Verfassung werden die Rechte behinderter Menschen anerkannt, geschützt und gefördert. Ausdrücklich anerkannt wird das Recht behinderter Personen auf Respekt und menschliche Würde. Weiter wird festgehalten, dass der Staat die Entwicklung der Gebärdensprache fördern wird."


Mit der Einführung dieses Gesetzes ist auch die rechtliche Anerkennung der Gebärdensprache verankert, und gehörlose Menschen haben das Recht auf barrierefreie Kommunikation in Schulen, Behörden, Institute u.a. . Hierzu werden bei Bedarf Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt.

 

Es gibt in Uganda einen nationalen Gehörlosenverband, Uganda National Association for Deaf (UNAD). Die Geschäftstelle des Verbandes ist in der Hauptstadt Kampala. Laut dieses Verbandes bestehen noch zehn weitere Gehörlosenvereine, die im ganzen Uganda verteilt sind. Der Verband UNAD ist eine wichtige Institution für die Gehörlosen. Sie ist eine Anlaufstelle für gehörlose Menschen, für Interessierte und andere, sie bietet Beratung für Familien und Gebärdenkurse an. Daneben findet sich dort eine gehörlose Frauengruppe, eine Gruppe für Eltern gehörloser Kinder und andere Gruppen. Des Weiteren kämpft sie für die Rechte der gehörlosen Menschen und arbeitet mit der Regierung zusammen.

 

Kindergärten als eine eigenständige Institution für Gehörlose gibt es nach Angaben von Tanja Jürss, einer Sozialarbeiterin, in Uganda nicht. Jedoch existiert in vielen Schulen ein angegliederter Kindergarten, der hauptsächlich dazu dient, Kindern die Gebärdensprache zu beizubringen und in den Alltag des Schullebens zu integrieren. Das ist so, weil die meisten gehörlosen Kinder bis zu ihrem Schuleintritt isoliert und ohne Kontakt zu anderen Gehörlosen bei ihren Eltern aufwachsen. Hier wird also deutlich, dass der Kindergarten als vorbereitende Maßnahme zum die Schulbeginn im Vordergrund steht. Inhaltlich treffender wäre daher der deutsche Begriff "Vorschule", aber ich möchte es beim Begriff "Kindergarten" belassen, weil die Ugander diesen Begriff benutzen. In vielen Gehörlosenschulen existiert auch eine Gruppe mit Kleinkindern, weil manche Eltern neben der familiären Situation auch mit der Gehörlosigkeit des Kindes überfordert sind und um der groben Vernachlässigung des Kindes vorzubeugen, bzw. die Rechte der Kinder zu beachten, nehmen Schulen in solchen Fällen auch Kleinkinder auf. Dennoch fehlt im Allgemeinen eine dem (unsrigen) Kindergarten vergleichbare Einrichtung.

 

Im Vordergrund der Bildungspolitik stand es, mit der Einführung des nationalen Programms der "Universal Primary Education", gehörlosen Kindern den Zugang zu Grundschulen zu ermöglichen. Bis zu vier Kindern pro Haushalt, egal ob sie hörend oder gehörlos sind, oder irgendeine andere Behinderung haben, bekommen eine Befreiung von der Schulgebühr und besuchen so "kostenlos" die Schule. Schulische Einrichtungen sind daher im Verhältnis zu anderen afrikanischen Ländern zahlreich vorhanden. Insgesamt zehn Gehörlosenschulen sind bei UNAD angemeldet, es gibt sieben Schulen für mehrfachbehinderte Kinder und ein Rehabilitationszentrum für behinderte Kinder in Kampala. Die meisten Gehörlosenschulen in Uganda sind an eine Internatsunterbringung gebunden. Die Kinder bleiben in der Regel außer zu den Ferien auf dem Schulgelände, weil der Heimweg lang und die Verkehrsanbindung schlecht ist. Für gehörlose Schulabgänger sind die Möglichkeiten, eine weiterführende Schule oder eine Ausbildung zu besuchen, sehr gering. Dies stellt ein großes Problem dar. Im gesamten Uganda gibt es nur eine einzige Ausbildungseinrichtung für Gehörlose in der Hauptstadt Kampala. Jedoch sind auch hier die Möglichkeiten zur Auswahl des Berufes sehr eingeschränkt. Ihnen stehen nur Ausbildungen zum Schreiner, zur Näherin, zum Korbflechter zur Verfügung und das Erlernen weiterer Handarbeiten zu, sie können lernen, wie man Betten macht, u. ä. . Zudem müssen die Eltern den Ausbildungsplatz für ihr Kind bezahlen. Vielen Eltern ist es daher lieber, wenn die Kinder gleich arbeiten gehen. Doch ohne einen erlernten Beruf haben sie wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

 

In Kampala gibt es eine private Universität mit dem Namen "Uganda National Institute for Special Education". Dort wird der Studiengang "Gebärdensprache" angeboten. Hier werden auch Lehrer für gehörlose Kinder ausgebildet. Viele Schulabgänger schaffen aber wegen der geringeren Bildungsqualität den Sprung zur Universität nicht. Außerdem ist der Studienplatz mit ernorm hohen Kosten verbunden, da eine finanzielle Unterstützung vom Staat nicht gedeckt werden kann, so dass sie für gehörlose Studienanwärter, trotz vorhandener Rechte, ein kaum überwindbares Hindernis darstellt.

 

Die schulische bzw. berufliche Situation hat sich in den letzen Jahren trotz der Einführung der Universal Primary Education wieder verschlechtert. Die steigende Zahl der gehörlosen Schulabbrecher hat in den letzten Jahren drastisch zugenommen und so, wiederum, zu einer hohen Analphabetenrate geführt. Dazu hat Matsamura einen Artikel "Deaf people speak out in Uganda" verfasst, in dem sie darauf hinweist, dass die Regierung bei einer Pressekonferenz versichert habe, sich um die Erziehung und Ausbildung gehörloser Menschen zu kümmern. Joseph Mbulamwana, ein Öffentlichkeitsreferent der UNAD kritisierte die fehlende Initiative der Regierung, diesem Versprechen nachzukommen, sehr scharf. Der Erziehungsminister für Sonderpädagogik Wimon Okecho sagte, dass die Regierung längst erkannt habe, dass die gehörlosen Menschen speziellen Hilfsbedarf zur allgemeinen Lebensbewältigung haben. Doch der Aufbau der Gehörlosenschulen, die Förderung der Ausbildung der Sonderschullehrer und der Einsatz der Gebärdensprachdolmetscher wären mit so hohen Kosten verbunden, dass die finanziellen Ressourcen bei weiten nicht ausreichten. Daher müsse die Unterstützung vom Staat in Phasen, also Schritt für Schritt, eingeführt werden.

 

Mit der Einführung der Universal Primary Education sind laut Mbulamwana 15.000 gehörlose Kinder eingeschult worden. Nach sieben Jahren wären nur noch 1.000 Kinder im Unterricht gewesen. In dieser Zeit hätten viele die Schule abgebrochen. Als Grund gibt Mbulamwana an, dass viele nach dem Abschluss nirgendwohin gehen konnten. Was sollten sie mit einem Abschluss, wenn ihnen die Möglichkeiten zur Weiterführung ihrer Ausbildung fehlen? Auch der Bericht vom Bildungsministerium im Jahr 2003 bestätigte, dass die Zahl der gehörlosen Schüler mit jedem neuen Schuljahr weniger werden würde. Außerdem beklagten viele Gehörlose die unrealistische Art und Weise der Prüfungssituation und der Benotung durch die nationale Prüfungskommission auf Grund- und weiterführenden Stufen. Mit der Einführung der Gleichsetzung des Prüfungsniveaus aller Schüler im Jahr 1997 schreiben die gehörlosen Kinder mit den hörenden Kindern gleiche Prüfungen. Die Anforderungen in den Prüfungen seien so hoch, so dass viele durchfallen. Um den Anforderungen in den Prüfungen gerecht zu werden, muss der Schulunterricht entsprechend umgestaltet werden. Der Unterricht mit den Gehörlosen sei wegen ihrer Hörbehinderung anders gestaltet. Vor allem die sprachlichen Defizite müssten im Unterricht berücksichtigt werden. Okecho ist der Ansicht, dass Gehörlose sich minderwertig fühlten, wenn sie nur in praktischen Tätigkeiten ausgebildet würden. Aus diesem Grunde sollten die Prüfungen so ausfallen, dass sie "gleichberechtigt" sind und gegenüber Hörenden mithalten könnten.

 

Wie in anderen Drittweltländern ist auch in Uganda die Gesundheitsversorgung recht schlecht. Nach Angaben der UNAD trägt die hohe Anzahl der Menschen mit Hörverlust die Folgen von unbehandelten Krankheiten wie Meningitis, Malaria, Mittelohrenentzündung u.ä. . Der HIV-Virus ist in Uganda ist zudem recht weit verbreitet und stellt für die gesamte Bevölkerung ein gravierendes Problem dar. Die HIV-Kampagnen zeigen allerdings erste Erfolge. Laut dem Gesundheitsministerium in Entebbe zeichnete sich innerhalb von sieben Jahren ein Rückgang von 30% der Infizierten auf 12% ab, vor allem in den Städten. Die Kampagnen werden durch Aufklärung im Radio und im Fernsehen verbreitet. Gehörlosen Menschen ist jedoch der Zugang zu diesen Medien versperrt. Wie der Artikel "Who Tells the Deaf About AIDS" von Alice Emasu beklagt, sind gerade gehörlose Frauen von der Krankheit betroffen, da die Gesellschaft eine gezielte Aufklärung nicht für nötig hält. Sie erwartet von solchen Frauen, dass sie keine Kinder gebären, weil die allgemeine Vorstellung verbreitet ist, dass Gehörlosigkeit an sich eine Erbkrankheit ist.

 

Demnach sind sie doppelt benachteiligt. Zum Einen, weil sie gehörlos sind und zum Andern, weil sie Frauen sind. Florence Mukasa, eine gehörlose Frauenbeauftragte von UNAD sagt: "Culturally, women belong to the kitchen. This also affects deaf women and girls." Die Rolle der Frau in der Gesellschaft scheint klar umrissen zu sein, ihre Freiheit zur Lebensgestaltung beschränkt sich auf das Hausfrauendasein im häuslichen Umfeld. Mukasa weist darauf hin, dass Eltern, die entscheiden müssen, ob ihr Sohn oder ihre Tochter zur Schule geht, sei es aus finanziellen oder anderen vertretbaren Gründen, sie lieber ihren Jungen zur Schule schickten. Das erklärt, weshalb nur wenige gehörlose Frauen eine Schulbildung bekommen. Das bedeutet oftmals auch, dass diese Frauen keine Sprache erlernen und letztendlich als geistig Behinderte geltend als Arbeitskräfte missbraucht werden.

 

Obwohl die Gebärdensprache anerkannt ist, ist der Zugang zu den Medien sehr erschwert. Ein Übersetzungsservice ist lediglich im staatlichen Fernsehen vorhanden, alle anderen Medien bleiben aus finanziellen Gründen außen vor. Natürlich können sich nur die wenigsten Menschen einen Fernseher und die Stromlieferung dazu leisten, vor allem in ländlichen Gebieten. Sowohl elektrische, als auch gedruckte Medien können nur wenige nutzen. Außerdem können, wie bereits erwähnt, nur 20% von ihnen lesen und schreiben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Lebensbedingungen Gehörloser, trotz der großen Fortschritte im ganzen Kontinent Afrika, sich kaum verbessert haben. Die Bemühungen der Regierungen, die staatliche Förderung der Rechte der gehörlosen Menschen sowie der Gebärdensprache fallen so spärlich aus, dass die rechtliche Verankerung kaum einen praktischen Nutzen erzielt. Die mangelnde Schulbildung und die geringere Bildungsqualität haben Auswirkungen auf das Leben Gehörloser, sie können mitunter zur Bedrohung der Lebensexistenz werden. Ihre Armut und ihre Krankheiten könnten weitgehend beseitigt werden, wenn ihnen der Zugang zur Bildung gegeben würde. Joseph Mbulamwana sagt eindringlich: "Education is the basis of everything in life. Without education, there is no work. You cannot learn to read and write."